leseproben – WUNSCHBUCHVERLAG.DE http://wunschbuchverlag.de Sun, 04 Aug 2019 16:00:46 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.6.29 Wie Manfred Stolpe, Matthias Platzeck, Marianne Birthler, Hans-Otto Bräutigam und Regine Hildebrandt das Land Brandenburg erschufen http://wunschbuchverlag.de/portfolio/die-gruende-der-gruender/ Tue, 16 Feb 2016 17:18:36 +0000 http://textgeschenke.moniteurs.de/?post_type=portfolio&p=2308 Wie Manfred Stolpe, Matthias Platzeck, Marianne Birthler, Hans-Otto Bräutigam und Regine Hildebrandt das Land Brandenburg erschufen und Staatkanzleichef Jürgen Linde ihnen dabei half
„Als Jürgen Linde 1990 das erste Mal nach Brandenburg fährt, hatten es 60.000 der 2,6 Millionen Einwohner gerade verlassen.
Es ist Mitte Oktober, seit zwei Wochen existiert die DDR nicht mehr – zwei Wochen zuvor existierte das Bundesland Brandenburg noch nicht. Mehr als 3000 Seen gibt es dort und so
viele Alleen wie sonst nirgends in der Republik. Aber die Seen sind von Abflüssen aus
Stahl- und Chemiefabriken verseucht, das Baden ist oft verboten. Und auf den Straßen
krachen jeden Tag durchschnittlich 115 Mal Autos ineinander, zwei Menschen sterben täglich dabei. Die Häuser zerfallen, nur jeder zehnte Einwohner hat ein Telefon. Der Verfassungsschutz zählt 550 Skinheads. Wölfe gibt es keine. Auch wenn sich in den Jahren zuvor immer wieder einzelne Tiere aus Polen hierher verirrt hatten.

Eben wurde der erste Landtag gewählt, ein Kabinett gibt es noch nicht. Sicher ist nur, wer Ministerpräsident sein wird: Manfred Stolpe, der frühere Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg und stellvertretende Vorsitzende des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Brandenburg ist das einzige neue Bundesland, indemdie SPD regieren wird. Am Morgen hatte in Jürgen Lindes Büro das Telefon geklingelt. Wolfgang Clement, damals Staatskanzleichef in Nordrhein-Westfalen, ist am Apparat: „Wir fahren heute Abend zu Stolpe“, sagt er. Die Order kommt direkt von Clements Chef Johannes
Rau. Linde, der nach Jahren als Oberstadtdirektor in Gelsenkirchen nun den Abfallentsorgungsverband Nordrhein-Westfalen führt, soll in Brandenburg die Staatskanzlei
leiten. Schließlich kennt er sich aus mit strukturschwachen Gebieten. Und sein Posten bei der Abfallwirtschaft füllt ihn ohnehin nicht aus.

Noch in derselben Nacht sitzt er in Potsdam, in einem Zimmer des Interconti-Hotels auf einem Bett neben Stolpe. Mancher von Stolpes Ministern wird ihn später als
Arroganten Wessi empfinden. Aber zu diesem Zeitpunkt ist sich Jürgen Linde längst
nicht sicher, ob er den Job bekommt. Dass er zu einem Vorstellungsgespräch nach
Potsdam gefahren ist, hat er seiner Frau sicherheitshalber nicht verraten. „Sonst hätte
ich ihr nachher noch sagen müssen: Die wollen mich nicht“, erzählt er 22 Jahre danach.
Stolpe wollte ihn. Und so wurde Linde so etwas wie der Demokratie-Lehrer Brandenburgs.

Jürgen Linde ist jetzt 77 Jahre alt, sein Haar ist weiß geworden, sein Gesicht schmaler und kantiger. Vielleicht liegt es nur an seinem grauen Anzug, aber er sieht aus, wie man sich einen Verwaltungsbeamten vorstellt. Obwohl er längst im Ruhestand ist. „Ich war schon ewig nicht mehr hier“, sagt er und betritt seinen ehemaligen Arbeitsplatz durch den Hintereingang. Er will seinem Besuch zeigen, wo damals alles begann.
Die Staatskanzlei in Potsdam ist ein imposanter neobarocker Bau. Der Portier hat Linde entdeckt. „Herr Doktor Linde, Sie hier!“, ruft er und verlässt seinen Glaskasten, um ihm die Hand zu schütteln. „Die Haare sind aber weniger geworden“, antwortet der. Jeden, dem Linde im Treppenhaus begegnet, begrüßt er mit Handschlag und Namen.

Eine Woche nach dem nächtlichen Gespräch mit Stolpe, am 31. Oktober 1990, Punkt neun Uhr, stand Linde dann mit einem Siemens-Schreibautomaten und seiner Sekretärin vom Abfallverband das erste Mal vor der Tür der Staatskanzlei. Sie war verschlossen: Reformationstag – das Land hatte noch keine Regierung, keine Verfassung, keine Gesetze. Aber es hatte einen Feiertag.

Wie Linde reisten Tausende Berater aus den alten in die neuen Bundesländer. Sie kamen, um das neue System zu lehren: Polizisten, Richter, Verwaltungsfachleute. Allein nach Brandenburg kamen mehr als 5000 Aufbauhelfer – die meisten aus Nordrhein-Westfalen, dem offiziellen Partnerland Brandenburgs. Überhaupt war der nordrhein-westfälische Ministerpräsident der Grund, warum Stolpe in die SPD eingetreten ist. Auch die CDU hatte nach der Wende um den bekannten DDR-Kirchenmann gebuhlt. Aber damals sprachen fast alle in den großen Parteien davon, dass der Osten innerhalb von vier Jahren aus dem Gröbsten raus sein würde. Stolpe fürchtete sich vor so viel Euphorie. Johannes Rau sei der Einzige gewesen, der ähnlich dachte wie er. „Rau sagte zu mir: Wir haben im Ruhrgebiet 30 Jahre zu tun, ihr braucht bestimmt auch 30“, erklärt Stolpe.

Das Café, in dem er sitzt, gehört zum Seniorenstift, indem der 76-Jährige in diesem Jahr mit seiner Frau ein Apartment bezogen hat. Mit Havelblick. Der Kellner hat ihm seinen Cappuccino mit einem Kakaoherzen verziert. Daneben liegt ein Ringbuch mit Notizen, Erinnerungen an die ersten Tage seines Landes. 22. November 1990: Brandenburg hat
die erste deutsche Ampelkoalition. Im Sitzungssaal des Landtags wird Stolpes Kabinett
vereidigt – wenige Wochen bevor der Saal wegen Einsturzgefahr gesperrt wird.

Die Minister gibt es nun, jetzt fehlen nur noch die Ministerien. Aber in der baufälligen
Staatskanzlei stehen genug Räume leer. Drei Tage später hat Marianne Birthler vom Bündnis 90 ein Zimmer für sich und ihre fünf Mitarbeiter gefunden. Sie malt ein Schild und klebt es an die Tür: „Bildungsministerium“ steht darauf. Auch in sein Kabinett hat sich Stolpe Helfer aus dem Westen geholt – etwa Hans-Otto Bräutigam, für das Justizressort. Bräutigam,
bis 1989 Leiter der Ständigen Vertretung in Ostberlin, war gerade UN-Botschafter
in New York geworden. Als Stolpe ihn am Telefon bittet, nach Brandenburg zu
kommen, sagt Bräutigam nach zwei Tagen Bedenkzeit zu. Mit ihm steht es vier zu sechs. Vier Minister kommen aus den alten, sechs aus den neuen Bundesländern. Die aus dem Osten
verdienen 7546 D-Mark, die aus dem Westen das Doppelte.

Jürgen Linde fällt ein ganz anderer Unterschied auf: „Die Ostminister haben demokratischer
gedacht als die Westler“, sagt er. Sie waren noch vor einem Jahr für ihre Freiheit auf die Straße gegangen. Demokratie hatten sie sich gerade erst erkämpft. „Wir haben sie sehr ernst genommen“, sagt Matthias Platzeck. Damals war erBündnis-90-Mitglied und Umweltminister. Jetzt ist er SPD-Politiker und Ministerpräsident – gerade auf dem Weg zu einer Schule, an der er Warnwesten an Erstklässler verteilen soll.

„Über Demokratie musste man uns aus der evangelischen Kirche nicht belehren“, sagt Stolpe. Er klingt immer noch staatsmännisch. Und ein bisschen trotzig. Über Demokratie nicht, aber wie der Demokratiebetrieb funktioniert, schon. Das war vor allem die Aufgabe von Jürgen Linde und den Staatssekretären der neuen Minister. Die hatten zwar meist Ahnung von ihren Fachgebieten, aber vom Regieren? „Oh Gott, jetzt bin ich Ministerin. Was
mach ich denn jetzt?“ soll Birthler gefragt haben, nachdem klar war, dass sie den Posten
bekommt. Sie selbst kann sich nicht daran erinnern. Aber dass sie damals so reagiert
hat, hält sie für wahrscheinlich. „Ich wusste ja kurz vorher nicht einmal, was ein
Staatssekretär ist“, sagt sie am Telefon. „Die meisten von uns waren Lernende.“
Es war dann übrigens Birthlers Staatssekretär, der früheren Jugendreferentin des Ostberliner Pfarramts und späteren Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen beispielsweise beibrachte, „dass man Entscheidungen nicht spontan trifft, sondern den Weg dorthin für andere nachvollziehbar festhält.“ Selbst für Stolpe, dem Gremien und Verwaltungen durch sein Kirchenamt vertraut waren, war einiges neu.

„Stolpe war ja sehr genau“, beschreibt Linde seinen früheren Chef. Noch vor Amtsantritt seien die beiden darum durchgegangen: Wie muss eine Tagesordnung aussehen, wie ein Protokoll? Wie wird abgestimmt? Wer sitzt wo? „Wir haben einmal durchgespielt, wie
das geht, was zu machen ist“, erzählt Linde. Bei der Übungskabinettssitzung mit fiktiverTagesordnung hätten die Staatssekretäre die Plätze der Minister eingenommen.

Und dann war da noch eine Frage, auf die auch Linde keine Antwort wusste: „Heißt es Kabinettsitzung oder Kabinettssitzung mit zwei s?“ Er fragte beim Bundestag nach. „Ob sie in Brandenburg nichts Besseres zu tun hätten?“, lautete die Antwort. Es heißt Kabinettssitzung.

Aber es gibt auch Tage, an denen müssen Linde die ostdeutschen Regierungsmitglieder
unbelehrbar vorgekommen sein. Platzeck zum Beispiel. Gleich bei dessen erster Amtshandlung geraten die beiden aneinander: Der Umweltminister holt sich einen Staatssekretär aus Brüssel, einen CDUler. Für den SPD-Mann Linde ein Unding.
Platzeck erinnert sich: „Junger Mann“, habe Linde zu ihm gesagt, „so geht das ja nicht.“ Platzecks Empörung ist heute noch zu hören. Auf den Zwischenfall angesprochen,
lacht Linde auf. „Ja, ich fand das etwas befremdlich“, gesteht er. Parteipolitik spielt
in den ersten Monaten der jungen Regierung so gut wie keine Rolle – weder im Kabinett,
noch im Landtag. Gleich mehrere Gesetze werden fast einstimmig beschlossen.
Es ging schließlich um Wichtigeres: „Wir wurden gewählt, damit das Land nicht zusammenbricht“, erklärt Platzeck. Vor allem mussten sie es erst einmal erschaffen.

An Schlaf war da kaum zu denken. „Wir standen die ganze Zeit unter Adrenalin“, erzählt Platzeck. Dass er müde war, habe er erst bemerkt, als er sich am Nachmittag des 31.Dezember 1990 kurz hingelegt hatte, um für die Silvesterparty etwas vorzuschlafen.
Wieder aufgewacht ist er mittags am Neujahrstag 1991. Die Regierung arbeitet täglich 14 Stunden und mehr, die Kabinettssitzungen dauern seltenweniger als fünf. Es wird gestritten,
oft heftig, sagen die, die dabei waren – oft auch noch nach den Sitzungen. Justizminister
Bräutigam erinnert sich, wie die inzwischen verstorbene Regine Hildebrandt, damals Sozialministerin, in sein Büro stürmte, wenn ihr etwas nicht passte. „Das Arbeitsklima war vorzüglich“, sagt er.

Marianne Birthler, die in den Kabinettssitzungen neben ihm saß, sagt: „Es war toll“ und spricht von der Solidarität zwischen den Kollegen. „Wir mussten nicht rivalisieren.
Jeder von uns hatte mehr als genug zu tun.“ Und Platzeck zitiert frei nach Hermann Hesse: „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Ironie ist nicht zu spüren.

Es gab auch andere Momente. Die Kalender der Minister waren voll mit Abschiedsbesuchen
in schließenden Betrieben. Irgendwann hatten nicht einmal mehr 650.000 Brandenburger einen richtigen Arbeitsplatz. Die Regierung machte Fehler, die wie der fehlgeplante Flughafen Berlin-Schönefeld heute noch Schlagzeilen machen. Und später zerbrach sie.
Birthler ging 1992, als Stolpes Stasi-Kontakte bekannt wurden, Bauminister Jochen
Wolf trat 1993 nach einem Immobilienskandal zurück.

Mittlerweile ist die Staatskanzlei saniert. „Darauf bin ich am meisten stolz“, sagt Linde. Er hat die Bauarbeiten organisiert. Brandenburg führt zurzeit das Länder- Ranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft an. 91 Menschen starben dort 2011 bei Verkehrsunfällen. Rechte Gewalt ist immer noch ein Problem. Und in den vergangenen Jahren sind in Brandenburg mindestens 31 Wolfswelpen geboren worden.“

erschienen 2012 in der Süddeutschen Zeitung

 

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Der Lettermann. Über den Schreibmaschinenmechaniker von Günter Grass, Erich Kästner, Uwe Johnson und Wolfdietrich Schnurre http://wunschbuchverlag.de/portfolio/der-lettermann/ Tue, 16 Feb 2016 17:18:08 +0000 http://textgeschenke.moniteurs.de/?post_type=portfolio&p=2307

Der Lettermann. Über den Schreibmaschinenmechaniker von Günter Grass, Erich Kästner, Uwe Johnson und Wolfdietrich Schnurre
„Er mag Wörter. Er spricht nur nicht so gern. Und eigentlich hört er auch nicht so gern zu. Aber er mag Buchstaben, die sich gleichmäßig aneinanderreihen, schwarz auf weißem Papier. Dafür ist er zuständig, das ist seine Aufgabe, seit 60 Jahren. Dietrich Tietz ist Schreibmaschinenmechaniker, einer der letzten. Noch steht er jeden Tag in seinem Laden in Berlin-Friedenau.
In seinem Schaufenster stehen 14 Maschinen, dazwischen Blumentöpfe mit dunkelgrünem Mini-Efeu. Ein vergilbtes Werbeplakat verspricht trotzig: „Die Zukunft jetzt“, aber die Zukunft der Schreibmaschinen ist längst vorbei. Man sieht es Tietz’ Geräten auch ein wenig an. Über manche hat der Staub einen Grauschleier gelegt. An den meisten lehnen Schilder: „Gelegenheit 49 Euro“. Tietz handelt nur noch mit gebrauchter Ware. Er ist ein Übriggebliebener, aber nicht irgendeiner. Bei ihm haben die Schriftsteller Günter Grass, Erich Kästner, Uwe Johnson und Wolfdietrich Schnurre ihre Maschinen und Farbbänder gekauft. Er hat ihre Geräte repariert. Und so wird auch von Dietrich Tietz etwas übrig bleiben.
Die Gegenwart gehört den Computern. Auf der Cebit, der jährlich in Hannover stattfindenden, weltgrößten Computermesse, stellen ab Dienstag mehr als 5500 Unternehmen ihre Produkte aus. Acht Millionen Rechner haben allein die Deutschen im vergangenen Jahr gekauft, sagen Marktforscher.
Um den Schreibmaschinenhandel kümmern sie sich nicht mehr. Es gibt nur noch drei Firmen, die nicht viel mehr als 44000 Maschinen jedes Jahr auf den deutschen Markt bringen: Brother, Twen und Olympia. „Wir sterben aus“, sagt Tietz.
Tietz, 73 Jahre alt, die Haare immer sorgfältig nach hinten gekämmt, steht in seinem Laden wie ein großer, grauer Stein – stumm und unbeweglich. Als hätte ihn jemand zwischen die Schreibmaschinenregale gestellt, und nun gelingt es niemandem mehr, ihn wieder wegzuschieben.

Dietrich Tietz verändert seine Position auch nicht, als die Türglocke Kunden ankündigt – ein Ehepaar in seinem Alter. Sie stolpern fast über die Schreibmaschinenkoffer, die sich auf dem dunklen Linoleumboden stapeln. Es ist eng. Eine braune Pappwand trennt das Geschäft von der Werkstatt. Tietz hat die Wand mitten in den beige gestrichenen Raum gestellt, so dass der Laden kaum breiter ist als ein Wohnungsflur. 32 Geräte stehen in den beiden mannshohen Holzregalen links und rechts. Die vollkommen schwarze
„War Finished“ – „Krieg beendet“ – fällt auf. Das Modell von 1918 erinnert an ein gefräßiges Rieseninsekt. Aus seinem Eisenkörper ragt ein Gewirr aus heuschreckenbeindünnen Hebeln.

Das Paar hat eine Schreibmaschine mitgebracht, eine elektrische Olympia mit Korrekturtaste. Die Maschine schreibt nicht mehr. Die Frau ist versucht, Tietz mehr zu erzählen. Aber der streckt wortlos seine Arme nach dem Apparat aus, stellt ihn auf einen kleinen Holztisch. Und das Ehepaar versteht. Es wird schweigend auf das Urteil des Meisters warten.

Seinem Gesicht ist noch nichts abzulesen. Die beiden steilen Falten neben seinen Mundwinkeln hängen unbeteiligt herunter. Aber plötzlich zieht er die Brauen zusammen. Sie haben ein Problem, liebe Kunden, soll das wohl heißen. Er beugt sich über das Gerät. Ganz langsam, als würde er darauf bestehen, dass in seinem Laden die Zeit anders zu vergehen hat als draußen.

Dass die Schreibmaschine eine Zukunft hatte, ist jetzt 200 Jahre her. 1808 soll der Italiener Pellegrino Turri di Castelnuovo die allererste gebaut haben – als Einzelexemplar für eine blinde Gräfin. Tatsächlich beginnt die Geschichte der Schreibmaschine als Hilfsmittel für Behinderte. Die ertastbaren Buchstaben sollten die Augen beim Schreiben überflüssig machen.

Ein halbes Jahrhundert später hatte sich Friedrich Nietzsche auch eine gekauft – angeblich wegen seiner starken Kurzsichtigkeit. Das Ding aus Messing sieht aus wie ein Igel auf zu langen Beinen, der Buchstabentasten auf seine Stacheln gespießt hat. Allerdings ging die sogenannte Schreibkugel ständig kaputt: „Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth – und einige Unterhaltung“, tippte Nietzsche nach dem ersten Monat. Die Kugel steht jetzt bei der Klassik-Stiftung in Weimar.

Ähnlichkeit mit den heutigen Schreibmaschinen hatte dann erst 1874 ein „Typewriter“ aus der US-amerikanischen Waffenfabrik Remington. Firmen für Schreibmaschinen existierten damals noch nicht. Sie wurden in Rüstungsunternehmen, Nähmaschinen- und Fahrradwerken hergestellt
– wie die deutschen Geräte von Adler und Triumph, die beiden Firmen fusionierten später unter dem Namen Triumph-Adler. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte das Unternehmen zehn Werke mit 8000 Mitarbeitern, vier der Produktionsstätten hatten ihren Sitz in Deutschland. Triumph-Adler verkaufte mehr als eine halbe Million Schreibmaschinen pro Jahr.

Tietz’ Kunden sind alt geworden. Mit der Maschine schreiben nur noch die Generation 70 plus und die Mafia: Vor einem Jahr berichteten die italienischen Zeitungen groß über den berüchtigten Mafiaboss Bernardo Provenzano, der 43 Jahre mit seiner Schreibmaschine untergetaucht war. Denn Telefon, Handy oder E-Mail hätten unnötig viele Spuren hinterlassen. Der Mafioso tippte seine Mordaufträge stattdessen auf einer Olivetti, Typ Lettera 32. Das „O“ im Wort „Morte“ soll jedes Mal ein Loch ins Papier geschlagen haben. Auch Provenzano ist mit 75 nicht mehr der Jüngste.

Tietz will in seinem Laden ausharren, bis gar keine Kunden mehr kommen. Jeden Tag vier Stunden – von neun bis elf und von 16 bis 18 Uhr. „Noch läuft es geradeso“, sagt er. An richtig guten Tagen verkauft Tietz eine oder zwei seiner Maschinen. Oft nicht einmal ein Farbband. Aber Geld braucht er nicht mehr. Seine Rente reicht – für die Wohnung um die Ecke, in der er allein lebt, den Laubenpiepergarten und den VW Käfer, Baujahr 1983.
Bevor Computer in den 90er Jahren klein und billig genug wurden, um sie in Büros und Wohnungen zu stellen, hatte Tietz’ Geschäft durchgehend geöffnet. Damals verkaufte er neue Maschinen – manchmal fünf, sechs am Tag. Und hin und wieder stand eben ein Künstler in dem Laden, der nach seinem Gründer Otto „Breitkreutz“ heißt. Der hatte ihn 1938 mit seiner Frau Emmy eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die beiden zeitweise 15 Mitarbeiter, die in den Ruinen Berlins nach verschütteten  Schreibmaschinen suchten. Repariert und geputzt standen sie dann bei Breitkreutz wieder im Laden.

Als Dietrich Tietz bei den beiden anfing, war die Stadt wieder größtenteils aufgebaut und die eisernen Geräte hatten Plastikgehäusebekommen. Friedenau war in den 50er und 60er Jahren ein Viertel
der Künstler, der schreibenden vor allem. Das war gut fürs Geschäft. Den kürzesten Weg hatte Elfriede Mechnig, Erich Kästners Sekretärin, die die handgeschriebenen Werke ihres Chefs abtippte. Sie musste von ihrer Wohnung in der Niedstraße 5 nur die vierspurige Rheinstraße überqueren.
Auch Grass wohnte keine sieben Gehminuten entfernt. Direkt neben Uwe Johnson, dessen Buch „Mutmassungen über Jakob“ zeitgleich mit Grass’ „Die Blechtrommel“ in die Buchläden kam.

Es ist ja nicht so, dass Günter Grass seine „Blechtrommel“ ohne Dietrich Tietz nicht geschrieben hätte. Tietz leidet nicht an Größenwahn. Er ist nur überzeugt davon, dass der Schriftsteller es auf
einer Maschine aus seinem Laden getan hat – einer blauen Olivetti, Typ 22, einer italienischen Reiseschreibmaschine.

Nein, gesprochen habe er nicht mit den Schriftstellern, das gehöre nicht zu seinen Aufgaben. „Für die Kunden bin ich der Maschinenmann.“ Die Rolle gefällt ihm. In seinem Laden hat Tietz inzwischen das cremefarbene Plastikgehäuse der Olympia des Ehepaars ausgehakt, es liegt jetzt neben ihr auf dem Tisch. Er kann nun alles sehen: die Papierträgerwalze, das schwarzrote Farbband davor, den Schrittmotor, das Typenrad – eingekreist von Buchstaben. Er klickt es aus, ein, wieder aus. Er dreht es vor seinen
zusammengekniffenen Augen hin und her. „Da haben Sie doch selbst dran rumgebastelt!“ – es ist der erste Satz aus der Stille.
Die Frau gesteht. Sie habe das Typenrad nur wechseln wollen. Ihr Mann unterbricht sie: „Lass doch, er ist der Fachmann!“ Als 14-Jähriger hat Tietz seine Lehre zum Schreibmaschinenmechaniker in der Berliner Olympia-Generalvertretung begonnen, 1948. Die Berufswahl sei purer Zufall gewesen, sagt Tietz. Sein Vater, ein Buchhalter, habe im selben Gebäude gearbeitet. So habe er von der freien Stelle erfahren. Und nun mag Tietz sich ein Leben ohne Schreibmaschinen nicht mehr vorstellen.

Tietz, der Übriggebliebene, hat die Gründe gesammelt, die gegen Computer sprechen: „Wer so einen bedienen will, muss einen dreiwöchigen Kurs besuchen.“ Außerdem hört man ja so viel über die ganzen Abstürze. Und erst die Computerkriminalität! Punktsiege für die Schreibmaschine. Dass das etwas ändert, glaubt er nicht. Aber er muss lächeln. Ganz kurz zucken die beiden Falten an seinem Mund.

Seine breiten Zeigefinger klopfen jetzt auf die Tasten der Olympia. Er hat ein neues Typenrad in die Maschine gesteckt. Eigentlich müssten jetzt die Buchstaben auf dem Blatt auftauchen, nach rechts rennen, bis zum Ende der Zeile. Aber nichts passiert. Tietz richtet seinen Oberkörper auf. „Da ist wohl der Motor kaputt“, sagt er und verschwindet in der Werkstatt. Das Paar schaut sich an und wartet weiter.

Der Zutritt zur Werkstatt ist verboten. „Zu rumpelig“, sagt Tietz später. Er schraubt die Maschinen dort auseinander, zerlegt sie. Er bürstet jede Metallletter einzeln. Später sollen sich die Typen bei jedem Anschlag sauber und akkurat ins Papier drücken. Das Farbband darf nicht schmieren. Aber die Tinte gibt den Buchstaben immer feine Schatten, sie scheinen Körper zu haben. Das ist jedes Mal ein  Erfolgserlebnis, sagt Tietz. Es ist der Grund, warum er noch arbeitet. „Andere fühlen sich als kleines Rädchen im großen Getriebe, ich nicht.“ Er allein ist dafür verantwortlich, wenn eine alte Maschine wieder funktioniert. Er gibt ihr wieder einen Sinn. Und dem Leben des Maschinenmanns.

Manche Kunden machen es ihm aber auch schwer. „Einige bringen ihre Maschine erst nach 20 Jahren vorbei“, sagt Tietz. Dann ist das winzige Loch im kleinen „e“ oft so zugedreckt, dass Bürsten nicht mehr hilft. „Das muss ich dann mit der Stopfnadel rauspolken.“ Schlimmer ist es, wenn die Kunden zu viel reden. „Manche erzählen einem ihren ganzen Lebenslauf, die finden gar kein Ende“, sagt Tietz.

Lieblingskunden? Es fallen ihm keine ein. An Grass erinnert er sich überhaupt nur wegen der „kleenen blauen Olivetti“. Eine wirklich schöne Maschine. Die von Tietz ist auch blau – „taubenblau mit viel Chrom“. „Gabriele 35“ heißt sie, ein Modell von Triumph-Adler aus den 70er Jahren. Er würde sie nie hergeben. Sie war damals die teuerste auf dem Markt. 485 Deutsche Mark hat er für sie gezahlt. Aber sie war auch die schönste.

Triumph-Adler hat seine letzten Schreibmaschinenfabriken in Tschechien und Indien vor drei Jahren verkauft. 42 Mitarbeiter produzieren dort für den neuen Besitzer noch rund 20.000 Maschinen für Deutschland. Die tschechischindischen Modelle heißen nicht mehr, wie Schreibmaschinen deutscher Hersteller lange hießen, „Gabriele“ von Triumph-Adler, „Monika“ von Olympia, oder „Erika“, die Geräte der DDR-Firma Robotron. Sie heißen „Twen T320“ oder „Twen T180“. Die Twen-Chefin gibt den Schreibmaschinen keine fünf Jahre mehr. Auch ihr Unternehmen werde die Produktion früher oder später einstellen, erklärt sie am Telefon. Die Einzelteile dafür würden immer knapper.

Tietz nutzt seine „Gabriele“ selten, höchstens für schnöde Briefe an Behörden. Die Bücher, die auf seinen Maschinen entstanden sind, hat er nie aufgeschlagen. Dabei hat Grass seiner „mechanischen Muse“ im letzten Buch ein ganzes Kapitel gewidmet. Auch Kurt Tucholsky hat einmal über Schreibmaschinen gedichtet: „Hebel rauscht und Glöckchen klingt, und die Schreibmaschine singt.“ Der Amerikaner Paul Auster hat vor ein paar Jahren sogar ein ganzes Buch über seine mechanische Olympia geschrieben. „Heldin“ hat er sie genannt. Tietz würde nie auf so eine Idee kommen. „Maschine ist Maschine, Mensch ist Mensch.“

Er bevorzugt Sachbücher. Tietz mag Wörter, die sein Wissen vergrößern. Vor 20 Jahren hat er sich „Die Schreibmaschine“ gekauft, ein Lehrbuch von Otto Burghagen, einem der ersten Lehrer für Maschineschreiben. Erschienen ist es 1898. Ein Jahr nachdem die preußische Regierung Maschinenbriefe
an Behörden zugelassen hatte. Burghagen empfahl die neuen Geräte auch Journalisten und  Schriftstellern. Der Vorteil: Für einen Buchstaben genüge ein Tastendruck, mit der Feder müsse man dagegen durchschnittlich fünf Striche ziehen.
Der erste Roman, der 1874 auf einer Maschine abgetippt wurde, stammt von Mark Twain. „Tom Sawyers Abenteuer“, Twain diktierte allerdings nur, seine Sekretärin schrieb. Twains Finger kamen seinen Gedanken nicht hinterher. Offenbar war ihm die Maschine auch etwas peinlich. Twain verbot dem Hersteller sogar, mit seinem Namen dafür zu werben. Die neue Erfindung war bei Männern verpönt. Amerikaner konnten sich im 19. Jahrhundert darum zu ihrer Schreibmaschine auch gleich ein Tippmädchen mieten, inklusive Büro-Putzen und Spucknapf-Leeren.

Aber Autoren schicken heute nur noch Computerfassungen an ihre Verlage. Die Maschinenschreiber unter ihnen sind schnell an den Fingern abgezählt. Selbst Grass lässt seine Werke nach der letzten Maschinenfassung in den Computer tippen, bevor er sie an den Verlag schickt. Der 80-Jährige hat mittlerweile drei Schreibmaschinen, denn kein Computer sei „verführerisch genug“, um auch nur eine seiner Olivettis verdrängen zu können. Aber Grass kauft jetzt woanders. Er wohnt schon lange nicht mehr in Berlin. Kästner und Johnson sind tot. Und Schnurre, der Tietz einmal einen Schnaps spendiert hat, nachdem der seine Olympia repariert hatte, ist auch längst weg. Er ist in den Norden gezogen, nach Kiel. „Da hatte er dann wohl so große Langeweile, dass er bald gestorben ist“, sagt Tietz.

Das Ehepaar hat seinen Laden bereits verlassen –mit einer neuen alten Schreibmaschine, eine Gelegenheit für 49 Euro. Die Reparatur hätte sich nicht mehr gelohnt. Gute Kunden an einem guten Tag. „Empfehlen sie mich weiter!“, hat Tietz ihnen nachgerufen.“

erschienen 2008 im Tagesspiegel,  Axel Springer-Preis 2009: Sonderpreis als „Herausragende Arbeit“

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Den Armen ein Grande Hotel. Über einen Slum in einem Luxushotel http://wunschbuchverlag.de/portfolio/den-armen-ein-grande-hotel/ Tue, 16 Feb 2016 17:17:43 +0000 http://textgeschenke.moniteurs.de/?post_type=portfolio&p=2306 Den Armen ein Grande Hotel
„Elsa weiß nicht, wann sie Geburtstag hat. Auf die Frage, wie alt sie ist, antwortet sie: „Elf“. Das haben ihr ihre Eltern gesagt. Sie lebt in einem Hotel, Zimmer 300. Aber Elsa ist kein Gast. Ihre genaue Adresse steht im Personalausweis ihres Vaters: „Beira, Avenida Afonso de Pavia, Gebäude Nummer 2, dritter Bezirk: Ponta Gêa“. Das ist nicht irgendeine Adresse, Elsa Macata wohnt im Grande Hotel. Das war einmal das größte, luxuriöseste Hotel Mosambiks, des gesamten Kontinents sogar. 12.000 Quadratmeter, 122 Zimmer mit Blick auf den Indischen Ozean. Früher, in den 50ern, nannten es die Menschen hier den „Stolz Afrikas“.
Jetzt steht Elsa mit einem leeren gelben Plastikkanister am Wasserhahn an – wie jeden Morgen. Sie steht zwischen anderen Mädchen und Frauen mitten in einer der versandeten blumlosen Rabatten, die die vierspurige Straße säumen. Die Avenida Afonso de Paiva verbindet die Innenstadt mit dem Meer.
Nicht einmal fünf Autominuten entfernt von hier reihen sich Prachtvillen um Plätze und an Straßen entlang. Frisch getünchte Fassaden wechseln sich mit halb zerfallenen ab. Auf den Bürgersteigen davor verkaufen Straßenhändler Zigaretten, Cola und Fanta in kleinen Glasflaschen, in den Läden gibt es Haushaltswaren und Stoffe, in den Bars Kaffee und portugiesische Sahnepasteten. Auf den Straßen drängen sich Menschen. 440.000 Einwohner hat Beira und manchmal scheint es, als seien alle auf einmal unterwegs.
An den Rabatten, in denen Elsa mit den anderen Frauen und Mädchen wartet, fahren nur noch selten Autos vorbei. Hier will niemand mehr hin. Für die meisten Beirenser endet die Stadt eine Kreuzung vorher, wo die letzten der pastellfarbenen Einfamilienhäuser aus der Kolonialzeit stehen.
Die anderen Mädchen und Frauen reden und lachen. Elsa ist still. Es ist kurz nach sechs, aber die Sonne scheint schon seit fast drei Stunden. Es ist heiß, 31 Grad Celsius. Das Wasser hat die helle Erde unter Elsas nackten Füßen dunkel gefärbt. Sie fühlt sich feucht an. 20 Liter passen in Elsas Kanister. Sie füllt ihn fast bis zum Rand. Ihre Freundin Felizmina hilft, ihn ihr auf den Kopf zu hieven. Er drückt ihre kleinen geflochtenen Zöpfe platt, die sonst wirr in jede Richtung abstehen. Aber ihr schmaler Körper bleibt gerade, als sie die Last heim trägt.
Elsa muss nur die Seiten der breiten Straße wechseln, und sie steht vor ihrem Zuhause: ein monumentales graues Gebilde aus Säulen und Bögen, drei geschwungene Stockwerke hoch. Ein gigantisches Betonwesen, das sich über das Viertel erhebt. Aus einigen Fensteröffnungen wachsen Mangobäume, aus anderen flattern bunte Stoffe – Windeln, Röcke, Hosen. Mehr als tausend Menschen verbirgt es in seinem Inneren – Hausbesetzer. Wie viele genau, weiß niemand. Die meisten seiner Bewohner glauben, dass sie mindestens 3500 sind. Elsa ist eines von 200 Kindern, die in ihm leben.
Der 16. Juli 1955 war ein Samstag. An diesem Abend blieb Francisco Ivo allein zu Haus. Die Eltern des Achtjährigen besuchten die größte Party der Stadt: Die Einweihungsfeier des Grande Hotels. Fotos zeigen lange Tischreihen unter funkelnden Lüstern, weiß eingedeckt. An ihnen sitzen die Gäste, um die 500 müssen es gewesen sein: Männer in Smokings, manche mit Einstecktüchern, andere mit Orden an der Brust. Die Frauen an ihren Seiten tragen glänzende Abendkleider, Perlen und Hüte. Schwarze Kellner in weißen Anzügen servieren ihnen die Speisen. Sie essen Hühnerbraten und Gambas aus dem Indischen Ozean, trinken Rotwein und halten Reden. Es sind wichtige Menschen dort an den Tischen. Die, die auf den Fotos zu sehen sind, sind alle weiß. Unternehmer, Rechtsanwälte und Politiker, die es bis ganz nach oben geschafft haben im faschistischen Portugal und seiner Kolonie Mosambik.
Die Ivos gehörten schon immer zur High Society Beiras. Francisco Ivos Großvater war Bürgermeister, sein Vater Carlos der erste und einzige Architekt der Stadt. Bis der Portugiese Francisco de Castro 1952 nach Beira zog, um das Grande Hotel zu bauen – noch im pompösen Stil des Art Déco – und später den Hauptbahnhof – puristisch und modern. Fast zehn Jahre blieb de Castro in der Kolonie. Für die Familie Ivo wurde er zum Freund. Ivos Sohn Francisco nannte er stets nur „Chico“ – den Kleinen.
Für Freunde heißt Francisco Ivo immer noch Chico, obwohl er inzwischen 63 Jahre und hoch gewachsen ist. Der hagere Mann mit dem lichten weißen Haar fällt auf, wenn er durch Beira geht. Seine Hautfarbe ist selten geworden in der Stadt und in Mosambik. Rund 20 Millionen Einwohner hat das Land. Aber nur um die 600 aller Mosambikaner sind weiß. Nach der Unabhängigkeit 1975 verließen es fast alle der 230.000 Portugiesen. Die Regierung des neuen freien Mosambiks verstaatlichte ihre Häuser, ihre Fabriken. Das Grande Hotel, das früher der portugiesischen Mosambik-Gesellschaft gehörte, ist heute Eigentum der Stadt Beira. Es ist der Slum der Stadt. Hier wohnen die Ärmsten der Armen.
Francisco Ivo erinnert sich, wie seine Eltern am Morgen nach der Eröffnungsparty schwärmten. „Sie waren richtig stolz, dass Beira nun so einen Prachtbau hatte“, sagt er. Er verabredete sich noch am selben Tag mit seinen Freunden am Hotelpool. Sie sprangen vom Dreimeterbrett und aßen Sandwiches unter den Sonnenschirmen der Poolbar. Das Hotel selbst haben die Jungen damals nicht betreten, das trauten sie sich nicht. Aber sie haben von außen ins Foyer gespäht. „Ich war beeindruckt von diesen gewaltigen Bögen, diesen geschwungenen Treppen“, erzählt Ivo.
Elsa, die gerade über die geschwungene Treppe steigt, ist kein bisschen beeindruckt. Die 20 Liter auf ihrem Kopf werden langsam schwer. Sie wohnt im dritten Stock. 84 Stufen liegen vor ihr. Die Hotelgäste früher schritten noch über einen roten Teppich nach oben. Aber den gibt es nicht mehr. Elsa versucht auf keine der toten Kakerlaken zu treten. Als sie einer Urinpfütze ausweicht, schwappt Wasser aus ihrem Kanister. Sie wird nass. „Pass auf“, ruft die Frau, die ihr entgegen kommt. Jetzt lacht Elsa.
Das Hotel schloss nur acht Jahre nach der Einweihungsfeier. 90 Millionen Escudos hatte der Bau gekostet – die Summe wäre heute mehr als 30 Millionen Euro wert. Eigentlich sollte ein Casino im Erdgeschoss ihn finanzieren, doch Portugals Staatschef António de Oliveira Salazar soll die Erlaubnis dafür verweigert haben. Und so blieb nach 1963 nur noch der Swimmingpool geöffnet und einige Konferenzräume für besondere Veranstaltungen. Die Silvesternacht 1980/81 war das letzte Fest im Grande Hotel.
Der Putz der Bögen bröckelt, an manchen Stellen sind ganze Stücke aus der Fassade gebrochen. Die Lücken geben den Blick auf den Abgrund frei. Jedes Jahr stürzen im Hotel zwei Kinder in den Tod, sagen die Bewohner. Die Wände sind grün und schwarz vom Schimmel und vom Rauch der kleinen offenen Holzkohleöfen, auf denen die Frauen das Essen kochen. In den Fenstern im Treppenhaus hängen Spinnweben wie blickdichte Gardinen. Die Menschen, die an ihnen vorbeigehen, werfen lange Schatten. Es riecht nach Moder, Urin, Kot und verbrannter Kohle. Elsa fällt das nicht auf. Das Mädchen wurde hier geboren. Sie hat die älteren Bewohner erzählen gehört, dass das Hotel früher sehr schön gewesen sein muss. Und sie weiß, dass die Menschen in Beira heute sagen, es sei eine Schande für ihre Stadt.
Für Elsa bedeutet das Gebäude Nummer 2 in der Avenida Afonso de Pavia Heimat. Es ist ihre ganze Welt. Als hätte jemand eine Stadt geschrumpft, damit sie zwischen die Hotelmauern passt. Wie in den meisten Städten gibt es auch in Elsas Stadt eine Kirche. Unten, im Erdgeschoss, in einem der ehemaligen Konferenzräume. Sie heißt „Igreija Jesus Cristo e a Solução“, den Namen hat jemand in blau an die Tür gepinselt. Die Moschee – in der Region ist jeder fünfte Einwohner Muslim – ist vor drei Jahren in die Poolbar gezogen. Und das Gericht tagt im Foyer des zweiten Geschosses. Auf der Etage wohnt auch der Richter. João António da Silva, Zimmer 211. Die nächste Verhandlung findet in einer Woche statt. Ein Paar will sich scheiden lassen.
Der Hotelchef heißt auch João, João Gonçalves. Er ist so etwas wie der Bürgermeister des Gebäudes. Er hat João António da Silva zum Richter berufen und vier andere Männer zu „Blockchefs“, wie er sie nennt. Sie sollen in den vier Hotelflügeln für Ordnung sorgen. Geld bekommen sie keines dafür, aber den Respekt der anderen. Das genügt. Einer von ihnen hat ins Treppenhaus einen Zettel gehängt: „Kein Müll auf die Treppe!“ So richtig ernst scheint das niemand zu nehmen. „Aber es ist schon besser als früher“, sagt João Gonçalves.
Beiras Bürgermeister Daviz Simango hat den kleinen rundlichen Mann zum Hotelchef ernannt, weil er Mitglied in der gleichen Partei ist – der MDM, der Demokratischen Bewegung Mosambiks. Vor allem aber, damit die Polizei einen Ansprechpartner hat, wenn sie mal wieder im Hotel nach Kriminellen sucht. Ja, Drogen seien schon ein Problem und auch der Alkohol, sagt Gonçalves leise. Seine Augen weichen dem Gegenüber aus. Es ist ihm unangenehm.
Seit 15 Jahren lebt João Gonçalves jetzt hier. Die ersten Hotelbesetzer kamen in den 80ern, sie flohen vor dem Bürgerkrieg, der 16 Jahre im Busch tobte. Kaum hatten die Kämpfer der FRELIMO die Unabhängigkeit von Portugal erreicht, standen sie ein Jahr später vor einem neuen Feind: den Guerillas der RENAMO – der Partei des mosambikanischen Nationalwiderstands, die von den Südafrikanern, Rhodesiern und den USA finanziert wurde.
Heute sind die Menschen auf der Flucht vor der Armut. Auf dem aktuellen Weltentwicklungsindex der UNO nimmt das Land den fünftletzten Platz ein, die Beirenser Tageszeitung macht in diesen Tagen mit der Schlagzeile auf, dass 350.000 Mosambikaner Hunger leiden. Und jedes zehnte Kind stirbt vor seinem fünften Geburtstag. An Cholera, Typhus, Malaria oder Aids. Hier trage jede dritte Frau im gebärfähigen Alter das Virus in sich, sagen die Ärzte der Hilfsorganisation UNICEF. Sie haben in Beira eine Ambulanz eröffnet.
Die neuen Hotelbewohner haben den Busch verlassen, weil sie hoffen in der zweitgrößten Hafenstadt ihres Landes Arbeit zu finden. Die meisten haben noch nie in einem Gebäude aus Stein gelebt. Sie haben das Hotel erobert wie einen Berg, es besiedelt. Die Zimmer sind ihre Hütten, ihre Häuser. Und so nennen sie sie auch: „Casas“.
Zehn Menschen leben hinter der Tür mit der Nummer 300. Die Macatas, Elsas Familie. Ihre Hütte ist 15 Quadratmeter groß, ein Zimmer mit Balkon. Von dort kann Elsa das Meer sehen. Egal wie heiß es ist, hier weht immer ein kühler Wind. Die Glasscheibe der Balkontür fehlt, die Mutter hat Stoffreste zwischen den Rahmen gespannt. Eine Wand aus Pappkartons teilt den Raum. Davor stehen der Tisch, zwei Stühle und ein zerschlissenes Sofa. Kein Bild hängt darüber, keine Puppe sitzt darauf. Elsa hat kein Spielzeug. Sie überlegt. „Doch, das hier“, sagt sie dann und zieht aus einem rosa Rucksack einen bunten, mit Mickimäusen bedruckten Buchdeckel hervor. Er ist leer. Vorsichtig klappt sie ihn auf. Auf der Innenseite steht noch der Name eines anderen Kindes. Elsa hat ihn im Müll gefunden.
Hinter der Pappwand liegt die Schaumstoffmatratze, auf der Elsa schläft – gemeinsam mit ihren Eltern, ihren zwei kleinen Brüdern und der jüngeren Schwester. Ihre beiden Onkel und die zwei Cousinen schlafen im Kabuff nebenan, auf zwei Bambusmatten, die sie jeden Abend auf den Fliesenboden legen. Hier war früher das Bad. Außer den Fliesen ist nichts von ihm geblieben. Die ersten Besetzer haben aus den Hotelräumen gerissen, was sie verkaufen konnten: das Eisen der beiden Fahrstühle, die Fensterscheiben, die Möbel. An manchen Stellen fehlt auch das Parkett. Einige der Bewohner haben damit ihre Öfen befeuert.
Die Vorgänger der Macatas haben kaum etwas übrig gelassen. Es gibt kein Waschbecken, keine Dusche und keine Toilette. Aber durch die Rohre des Hotels fließt sowieso kein Wasser mehr. Elsa wäscht sich auf dem Balkon. Mit einer kleinen Schüssel schöpft sie das Wasser aus dem Kanister, den sie eben hoch getragen hat und begießt sich. Und mehrmals am Tag hockt sie sich über einen Eimer. Den Inhalt schüttet sie anschließend über die Brüstung. So machen es fast alle hier.
Weil es auch keinen Strom gibt, beginnen die Tage früh im Grande Hotel. Die Menschen leben mit der Sonne. Jeden Morgen gegen sechs weckt Elsas Mutter die Kinder und geht aus dem Haus. Sie hat einen kleinen Verkaufsstand in der Rua Eduardo Mondlane – mitten im ehemaligen Villenviertel. Eigentlich ist es ein Tuch, das sie auf dem sandigen Bürgersteig ausbreitet. Darauf legt sie gesalzene Erdnüsse und Mangos aus dem Hotel. Der Vater ist schon auf der Arbeit. Er ist Wachmann in einer Bank. Beide verdienen im Monat zusammen 2550 Meticais, ungefähr 50 Euro.
Elsa frühstückt nie. Nach dem Wasserholen schickt sie ihre Geschwister spielen und geht zum Verkaufsstand ihrer Mutter. „Helfen“, sagt sie. Eine halbe Stunde dauert der Weg. Aber es ist erst kurz vor acht. Da bleibt noch Zeit für einen Spaziergang durchs Hotel. Ihre Freundin Felizmina begleitet sie.
Im zweiten Stock sitzt João António da Silva vor seiner Tür. Wer den Richter sucht, findet ihn hier – auf seinem Stuhl kippelnd, das Kofferradio am Ohr. „Nachrichten“, erklärt er. Er sagt, er sei 50. Aber sein zahnloses Gesicht sieht greisenhaft aus. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Menschen um ihn herum so jung sind. Alt werden hier wenige. Die offizielle Lebenserwartung der Mosambikaner liegt bei 41 Jahren. Einen Beruf hat João António nie gelernt, die Schule hat er nach der sechsten Klasse abgebrochen. Trotzdem – er schlichtet jeden Streit, sagen die Bewohner. Sie hören auf ihn. João António ist sich seiner Bedeutung bewusst. „Ich weiß alles“, sagt er. Er weiß auch schon, wie sein Urteil über das scheidungswillige Paar nächste Woche lauten wird: „Ihr bleibt zusammen!“
Auf der anderen Seite des Ganges kniet Dina Nore, Zimmer 237, auf dem Boden und haut mit einem Stock auf Holzkohlestücke ein. 200 Meticais hat sie im Supermarkt für den 50 Kilogramm-Sack bezahlt, knapp vier Euro. Die Kohlesplitter packt sie später in kleine Tüten. „Die anderen Bewohner können sie dann für fünf Meticais kaufen“, erklärt sie. So funktionieren in Mosambik die meisten Geschäfte. Dina hat breite Schultern und noch breitere Hüften, um die sie ein buntes Tuch gewickelt hat. Vier Kinder hat sie geboren. Im Hotel kennt die 29-Jährige jeder, weil sie mit einem der Blockchefs verheiratet ist und weil sie die Kulturgruppe leitet. Mit einigen Frauen aus dem Hotel übt sie Volkstänze. „Nur so zum Spaß“, sagt sie.
Elsa und Felizmina haben die Dachterrasse erreicht. Elsa ist gern hier oben. Von hier aus kann sie über ihre Welt hinausblicken. Die Wellen des Ozeans sind milchig braun vom Sand des Pungwe, der an dieser Stelle ins Meer mündet. Drei verrostete Fischereischiffe scheinen im Wasser zu stehen wie an den Horizont geklebt. Später werden sie mit gefüllten Netzen wieder zurück in den Hafen fahren. Beira ist berühmt für seine Garnelen, den Camarão. So berühmt, dass das spanische Unternehmen Pescamar hier eine Niederlassung gegründet hat. Bürgermeister Simango sagt, dass sie eine der größten Einnahmequellen seiner Stadt sei. 300 Menschen arbeiten dort in der Fischfabrik.
Die Fischer am Strand vor dem Hotel haben dagegen nicht einmal Boote, sie werfen ihre Netze ins flache Wasser. Manchmal gehen die Mädchen hinunter zu den Hütten unter den Pinien, in denen die Fischer wohnen. Felizmina sammelt dann Muscheln fürs Mittagessen und Elsa betrachtet die Netze. Ab und an hat sich ein Tintenfisch in ihnen verfangen, oft nur Quallen und kleine durchsichtige Garnelen, kaum größer als Mückenlarven. 40 Meticais kostet eine Hand voll. Die Frauen aus dem Hotel sind gute Kunden. An schlechten Tagen sind sie die einzigen.
Bei Maria dos Santos, Zimmer 103, wird es heute Mittag Reis mit Minischrimps geben. Obwohl ihr Geld langsam knapp wird. „Mein Mann ist Abgeordneter in Sofala“, sagt sie. Bei jedem seiner Besuche gibt er ihr ein paar Meticais. Das Problem ist nur: „Er hat noch eine andere Frau, eine zweite Familie“, erklärt sie. Er war jetzt schon über einen Monat nicht mehr im Hotel. Dabei muss die 46-Jährige Maria für ihren Neffen, ihre Tochter Bia und die Enkel sorgen. Die 20-jährige hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern. Das jüngste ist gerade ein Jahr alt. Wo die Väter sind, weiß Bia nicht. Sie hätten nur kurz im Hotel gewohnt, dann seien sie verschwunden.
Elsas Blick wandert jetzt zur halbrunden Hotelauffahrt, an der entlang Frauen ihre Waren verkaufen: Reis, Kekse, Simkarten für Handys, Wein in alten Colaflaschen und Schnaps in Plastikflachmännern. „Tentação“ steht auf den Etiketten – „Versuchung“. Auch im Hotel betreiben einige Bewohnerinnen Verkaufsstände, in jeder Etage einen. Es sind die Läden in Elsas Stadt.
Seit über einer Stunde hockt Victoria Caisto Baut, Zimmer 317, hinter ihrem Stand. Sie hat sich auf die Treppenstufen des Eingangs gesetzt – direkt neben dem bunten Müllhaufen, der an den Betonmauern hochwächst. Hin und wieder huscht eine Ratte vorbei.
Groß ist Victorias Angebot nicht. Auf ihrem Schemel hat sie drei Zwiebeln, zwei grüne Paprikaschoten, ein Glas Bonbons und eine Schachtel Zigaretten arrangiert. Aber die 20-jährige hat den besten Platz aller sieben Hotelhändlerinnen. An ihr muss jeder vorbei. Und fast jeder hält – für einen Plausch oder um noch schnell etwas zu kaufen. Wenn es gut läuft, verdient sie 50 Meticais am Tag, ungefähr einen Euro. Ihr Mann verdient als Laufbote etwas dazu und so reicht es für sie und die beiden Kinder.
Am Portal hinter Victoria lehnt Hotelchef João Gonçalves an einer Säule und beobachtet die Auffahrt. Eine Hündin döst im Sand, neben ihr spielen die beiden Welpen. Weiter hinten stoßen vier Kinder abwechselnd Stangen in einen Trog. „Sie stampfen Reis, sie schälen ihn“, erklärt er. Reis gibt es hier zu jeder Mahlzeit.
Eigentlich ist João Gonçalves Maurer. Aber Arbeit hat er keine. Wie die meisten hier. Er wohnt in keinem Zimmer, sondern in einer der Kammern im Keller, in denen früher Speisen und Weine lagerten. Selbst tagsüber kann er sich dort nur mit Kerzenlicht orientieren. Er, seine Frau, die vier Kinder, zwei Katzen und drei Hühner leben alle im selben Raum. Auch das Baby seiner 17-jährigen Tochter Ngame. Es ist das erste Enkelkind des 45-Jährigen. „Eine Woche ist es alt“, sagt Gonçalves, ganz der stolze Großvater. Wie es heißt? Er zuckt mit den Schultern.
Aus dem Holzverschlag vor dem Hotel dröhnt Rapmusik bis zu Elsa hinauf auf die Dachterrasse. „Das Kino“, sagt sie, fast andächtig. Mit einem Generator betreiben einige Bewohner einen Fernseher. Die Zuschauer sitzen davor auf dem Boden. Abwechselnd laufen afrikanische Musikclips und Telenovelas. Fünf Meticais kostet der Eintritt. Für Elsa unerreichbar. Sie war noch nie im Kino.
Elsa zeigt jetzt auf die andere Seite des Hotels, auf den Fußballplatz. Die beiden Holztore haben die Spieler selbst gebaut und auch die Umkleidekabine aus Palmenwedeln. Elsa interessiert sich nicht für Fußball. Aber ihr Vater versäumt kein Spiel im Grande Hotel.
Gleich nebenan liegt der Pool, in dem Francisco Ivo als Kind geschwommen ist. Er ist leer bis auf das Regenwasser, das sich in ihm sammelt – eine braune Lache, in der Küchenabfälle und Plastikflaschen schwimmen. Manchmal baden Hotelbewohner darin. Das saubere Wasser aus dem Hahn gegenüber des Hotels kostet einen Metical pro 20-Liter-Kanister. Wasserholen ist Frauensache, genau wie die Wäsche. Jeden Morgen wird der Bürgersteig für sie zum Waschbrett. Sie schrubben die Wäsche über die Gehwegplatten bis sie schäumt. Sie waschen ihre wenigen Kleidungsstücke täglich. Denn schon nach wenigen Stunden haftet der Schmutz des Hotels an ihnen wie ein schwarzer Schleier.
Vor zwei Jahren war Francisco Ivo zum letzten Mal hier – beruflich. Wie sein Vater ist auch er Architekt geworden. Für einen potenziellen Investor hat er untersucht, unter welchen Bedingungen das Hotel rentabel wäre. Aus der Sache ist nichts geworden. „Es hat viel zu wenig Zimmer für seine Größe“, sagt Ivo. „Da ist nichts zu machen – selbst, wenn man es umbauen würde.“ Er winkt ab. Es reisen kaum Touristen nach Beira, Mosambik hat schönere Strände, an denen das Meer blau ist. Und Stadtoberhaupt Simango sagt, er wüsste ohnehin nicht, wohin mit den Bewohnern. Also bleibt alles wie es ist.
Die beiden Mädchen auf dem Dach des Hotels sind nicht mehr allein. Ein junger Mann hat sich in die Nähe gesetzt und liest in einem Buch. Ananias Mupheko, Zimmer 313, schreibt morgen eine Klausur. Zum Lernen geht er immer auf die Terrasse. „Hier ist es ruhiger“, sagt er. Der 27-Jährige studiert an der Pädagogischen Hochschule um die Ecke. Später möchte er Biologielehrer werden. Aber noch ernährt ihn der ältere Bruder von seinem Lohn als Schneider in einer Hemdenfabrik. Mit ihm wohnt er im besten Flügel des Hotels in zwei Zimmern mit Bad, die einmal eine Suite waren.
Vom Einbauschrank existiert noch der Kasten. Die beiden Brüder haben ihre Hemden und Hosen hinein gehängt. Im früheren Bad fehlt nur der Spiegel. „Twyfords Duramant“ steht auf dem Waschbecken – der Name des englischen Herstellers, der auch die Queen beliefert. Ananias Mupheko hat den Beckenrand mit Frauenbildern geschmückt. Er hat sie aus Shampoo-Packungen herausgeschnitten. In seiner Wanne stapeln sich Blätter, Hefte und Bücher – „alles fürs Studium“, erklärt er.
Elsa muss jetzt los. Die Mutter wartet. Gegen Mittag werden die beiden heimkehren. Um eins muss Elsa in der städtischen Schule sein. Die Kinder werden dort wie überall in Mosambik schichtweise unterrichtet. Elsa gehört zu den Nachmittagsschülern. Und vor Unterrichtsbeginn muss sie noch essen und ihre Schuluniform anziehen: einen zerknitterten blauen Rock und eine weiße Bluse. Elsa geht in die vierte Klasse. Ihr Lieblingsfach ist Mathematik. Nach dem Unterricht wird sie wieder zum Laden der Mutter gehen und bis zum Abend bleiben.
Jeder Tag im Grande Hotel ähnelt dem nächsten. Aber sonntags ist alles anders: Die Hotelflure sind erfüllt von rhythmischen Gesängen – in der Kirche feiern sie Gottesdienst. Kinder spielen in den Gängen, manche ziehen kleine Autos hinter sich her. Leere Tetrapacks an einer Schnur. Zwei Stöckchen dienen als Achsen, vier Schraubdeckel als Räder.
Maria dos Santos denkt heute nicht an ihren treulosen Ehemann und nur ein bisschen an sein Geld. Ihre Augen leuchten, an ihrer Stirn hängen Schweißperlen, ihre Stimme ist heiser. Sie war gerade in der Kirche. Gemeinsam mit ungefähr 40 anderen Bewohnern. Sie sind mit emporgereckten Armen von den Holzbänken gesprungen und haben dem Herrn ihre Gebete entgegen geschrien. Maria hat sich bei ihm bedankt: „Für mein Leben, es ist schön“, sie kann es nur noch krächzen.
Dina Nore ist mit ihrer Kulturgruppe ins Fischerviertel gegangen. Jetzt steht sie zwischen 25 anderen Frauen, singt auf Macua – ihrer Muttersprache. Drei Männer trommeln dazu, einige Frauen blasen Trillerpfeifen, zwei andere drehen ein Seil. Dina hüpft drüber, anmutig tanzend. Sie sieht plötzlich leicht aus. Und glücklich.
Dinas Mann Carlos, der sonst als Nachtwächter bei einem Rechtsanwalt arbeitet, hat heute frei. Er ist zum Hotelpool gegangen. Hinter der alten Poolbar liegt sein Schatz: ein riesiger Quader aus Backsteinen. „1600 Stück“, sagt Carlos Nore. „Bald reicht es.“ Der 41-Jährige will weg. Seit sechs Jahren sparen die Nores schon auf eine Steinhütte. Aber die kostet mindestens 100.000 Meticais, sagt er. Die Zimmer im Hotel sind billiger. Wer für immer geht, verkauft seins. Die Preise liegen mittlerweile zwischen 10- und 15.000 Meticais – zwischen 200 und 300 Euro.
Student Ananias Mupheko empfängt heute Besuch. Drei Kommilitonen. Sie trinken Wein und reden über Frauen. Ananias hätte gern eine. Aber erst will er das Studium beenden. „Ich könnte ihr ja noch nichts bieten“, erklärt er.
Der Platz vor dem Hoteleingang, an dem sonst Victoria Caisto Baut sitzt, ist heute leer. Die junge Händlerin hat ihren Mann mit den Kindern zum Friseur geschickt. So hat sie Zeit, ihr Haus zu fegen. Es ist sehr sauber hier. Selbst der Geruch, der das ganze Hotel durchzieht, dringt nicht durch ihre Zimmertür. Draußen, auf dem Balkon, duftet es nach frischem Essen. Ein grüner Brei köchelt auf dem kleinen Eisenofen. „Heute gibt`s was Besonderes“, ruft sie von drinnen. Reis mit gehackten Maniokblättern. Später wird sie ihre frisch gewaschene rosa Bluse anziehen und das abgetragene Tuch um ihre Hüften gegen einen Rock tauschen. Sie will mit Freundinnen ins Kino gehen. Da will sie schön sein. „Hoffentlich zeigen sie eine brasilianische Telenovela“, sagt sie. Die portugiesischen findet sie langweilig.
Elsas Vater hat sich zu Hotelchef João Gonçalves an den Fußballplatz gestellt. Die jungen Männer auf dem Feld haben schon ihre blauen Trikots übergezogen. Um drei beginnt das Spiel: Grande Hotel gegen Munhava, einem Viertel auf der anderen Seite des Flusses.
Elsas Schule ist heute geschlossen. Das Mädchen ist morgens nach dem Wasserholen zu ihrer Mutter in die Rua Eduardo Mondlane gegangen. Helfen. Wie jeden Tag.“

erschienen 2011 in der Zeitschrift „Mare“

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Die Gründe der Gründer. Über den Möbelhersteller Gerhard Winkler http://wunschbuchverlag.de/portfolio/leseprobe-demokratie-fuer-anfaenger/ Tue, 16 Feb 2016 17:15:20 +0000 http://textgeschenke.moniteurs.de/?post_type=portfolio&p=2303 Die Gründe der Gründer
„Als Gerhard Winkler nächtelang wach neben seiner Frau im Bett lag und über seine Idee nachsann, die Idee von einem mitwachsenden Schülerstuhl, den er selber herstellen würde, hatte er auch ein Jobangebot als Geschäftsführer vorliegen. Er hatte also die Wahl zwischen der Sicherheit eines gut bezahlten Arbeitnehmerdaseins und dem Risiko eines Arbeitgebers. Gegen die statistische Wahrscheinlichkeit entschied er sich für das Risiko. Er nahm einen Kredit auf, kaufte eine alte Fabrik, baute die aus, produzierte selbst.

Heute, 15 Jahre später, weiß er, dass er richtig entschieden hat. Heute sitzen Schulkinder in Luxemburg, Belgien, in Dubai und Deutschland auf seinen Möbeln. Sein Unternehmen expandiert, hat 2009 neun Millionen Euro Umsatz gemacht. Gerhard Winkler, 62 Jahre, ist der Besitzer der Schulmöbelfabrik „project“ in Eisleben, der Lutherstadt in Sachsen-Anhalt.
Sein Büro liegt im obersten Stockwerk. Über eine Galerie, die innen um die Fabrik führt, durch das Vorzimmer mit der Sekretärin gelangt er dorthin. Es ist ein großer Raum mit eleganten Holzmöbeln. „Eigene Produktion“, sagt er. Vielleicht ist der Stolz, der sich einstellt, wenn einer es geschafft hat, schon ein Teil der Antwort auf eine wichtige Frage: Wieso gründen Menschen Firmen und werden Unternehmer? Von der Antwort hängt die Zukunft ab, die Zukunft der
Menschen, die Zukunft der deutschen Wirtschaft, die Zukunft Deutschlands. Neue Firmen mit neuen Ideen sind wichtig für die wirtschaftliche Erneuerung eines Landes. Und dessen Wohl und Wohlstand hängen wesentlich von denen ab, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. In der Krise vielleicht mehr als je zuvor.
Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland mehr Unternehmen gegründet als dichtgemacht haben oder pleitegegangen sind. Das ist ermutigend, aber das bedeutet noch nicht, dass Deutschland plötzlich den Unternehmergeist neu entdeckt. Die Wirklichkeit ist etwas komplizierter. Nicht jeder, der
eine Firma gründet, ist wie Gerhard Winkler. Für Winkler war vor 15 Jahren vor allem eins entscheidend: dass er keine Angst vorm Scheitern hatte. Er sagt:
„Dann hätte ich es nicht gemacht.“ Dazu kam der Reiz, Dinge selbst zu gestalten. Winkler kannte aus seiner langjährigen Berufstätigkeit als Dreher und später als Ingenieur einige Firmenchefs persönlich. Da habe er gedacht: „Was die können, das kann ich auch.“

So denkt nur jeder Dritte in Deutschland. Im aktuellen „Global Entrepreneurship Monitor“, einer beispiellos breit angelegten internationalen Studie, die in Deutschland die Bundesagentur für Arbeit herausgibt, werden die Gründerquoten von 43 Ländern verglichen. Vorne stehen die USA mit rund neun Prozent,
Südkorea, Island. Deutschland dagegen kommt mit nicht einmal vier Prozent auf den viertletzten Platz. Warum ist das so? Glaubt man Gründungsforscher Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, muss ein Unternehmer vor allem eines können: Entscheidungen
treffen. „Aber das lernen die Menschen ja nicht in der Schule.“ In der Regel jedenfalls nicht.

Wenige Kilometer vom Winkler‘schen Unternehmen entfernt sitzt Philipp Müller in einem Sandsteinbau aus den 50er-Jahren im Computerraum seiner Berufsschule. Auf einem Stuhl von Winkler, allerdings auf einem einfacheren Modell, Typ „Modern Learning“. Der 19-Jährige, Brille, Schlabberpulli, Dreadlocks, lässt sich zum Gestaltungstechnischen Assistenten ausbilden. Gerade malt er mit einem Mitschüler einen lebensgroßen Mann auf ein Plakat.
Kreativunterricht. Das, was sich Gründungsforscher Kritikos für die deutschen Schulen wünscht, praktizieren die Eislebener bereits. Philipp Müller arbeitet mit 14 anderen Auszubildenden in einer Schülerfirma. Sie bekleben Autos mit Werbung, drucken Einladungskarten und T-Shirts. Sie erledigen die Buchhaltung selbst und die Geschäftsführung. Zwar stehen sie gerade mit zwölf Euro in den Miesen, aber in Kürze hoffen die Jugendlichen auf einen Gewinn. Auf dem Gymnasium, auf das Philipp vorher ging, hätten sie fast nichts über Unternehmer gelernt, sagt er. Die Lehrer hätten ihnen nur die verschiedenen Firmentypen
beigebracht und über den Arbeitskampf gesprochen.

Damit fiel der deutsche Unterrichtsstoff auch unangenehm auf, als 2008 eine europäische Vergleichsstudie herauskam. Hierzulande werde akademisiert und theoretisiert, in anderen Ländern würden dagegen Unternehmertugenden gelehrt und Praktisches. Das hätte auch Philipp Müller gerne erfahren. Er erinnert
sich dagegen aus dem Geschichtsunterricht noch an James Watt und die Industrialisierung. Daher rühre Kritikern zufolge auch heute noch das Unternehmerbild, das nicht eben sympathische, das in Deutschland vorherrsche. 3,5 Millionen deutsche Unternehmer gibt es. Nach einer Studie des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung traut denen jeder zweite Bundesbürger Fleiß und Kraft zu. Rund 40 Prozent halten die Unternehmer aber auch für rücksichtslos, verschlagen, raffgierig und arbeitssüchtig. Besonders Frauen verbinden demnach mit Unternehmertum nur geringes gesellschaftliches Ansehen. Der Unternehmer – auf ewig verhaftet im Bildnis des zigarrerauchenden, ausbeuterischen Eigners einer großen Fabrik.

Aber heute müsse man, sagt Kritikos, nicht mehr in eine Fabrik gehen, um Unternehmer kennenzulernen, Deutschland sei eine Dienstleistungsgesellschaft und rund 2,4 Millionen deutsche Firmen – also mehr als die Hälfte aller existierenden – gehörten Einzelunternehmern. Gründer sind wichtig. Sie schaffen Arbeitsplätze oder tauchen zumindest selbst nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf. Ohne Unternehmer keine Produkte, keine Konsumgüter, kein Wohlstand. Seit einiger Zeit werden sie von immer mehr Politikern „Entrepreneure“ genannt, und die Verleihung des Gründerpreises der Bundesrepublik, der
2009 an den Teehändler und Berliner Wirtschaftsprofessor Günter Faltin ging, wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen. 1998 hat Winkler den gleichen Preis erhalten. Kameras waren ihm damals auch aufgefallen, aber dass die Veranstaltung im Fernsehen gelaufen wäre, daran kann sich Winkler nicht erinnern.An diesem dunklen Tag sitzt er seit halb acht in seinem
Büro, bearbeitet E-Mails, telefoniert. Bis um zehn will er
durch die große Stahlproduktionshalle und die kleinere
Tischlereihalle dahinter gegangen sein. Mit den Leuten reden.
Gegen elf hat er ein Bewerbungsgespräch. „Wir suchen
jemanden für den Vertrieb in Bayern und Hessen.“ Vor 19
Uhr verlässt er seine Fabrik selten.
Das Unternehmerdasein sei ja mit einer ungeheuren
Verantwortung verbunden. Jedes Mal, wenn es zwei, drei
Wochen lang nicht so gut laufe, sagt Winkler, werde ihm bewusst,
dass von ihm Existenzen abhängen. 84 sind es jetzt.
Als er anfing, waren seine Familie und 26 frühere Kollegen
dabei, die versprochen hatten, in seinem Unternehmen zu
arbeiten. „Alles Fachleute, ohne sie wäre es nicht gegangen“,
sagt Winkler. Die meisten von damals sind immer noch da.
Auch sein jüngerer Bruder. Der ist stolz auf den Erfolg des
älteren.
Trotzdem windet Herbert Winkler sich, als er die Frage
hört: Hat der Bruder sich verändert, seit er Unternehmer
geworden ist? „Also wirklich, ich kann nichts Schlechtes sagen“,
sagt er schließlich. Als hätte jemand etwas Schlechtes
hören wollen.
Gerhard Winkler fährt einen Audi A6 Avant. Die ersten
Jahre nach der Gründung seiner Firma hat er um die 5000
D-Mark verdient. Wie viel er jetzt verdient, verrät er nicht.
Aber er hält es für angemessen, wenn das Geschäftsführergehalt
fünf- bis zehnmal so hoch ist wie das der Mitarbeiter.
Winkler wohnt mit seiner Frau in einem Haus etwa 20
Autominuten von seinem Arbeitsplatz entfernt. Wenn er
nicht gerade in einem Geschäftsessen sitzt, isst er Stullen
zu Mittag. In seiner Freizeit wandert er und züchtet im Gartenteich
Koikarpfen.
Gegen 14 Uhr eilt Winkler mit mehreren Listen ins Besprechungszimmer.
Mit seinem Technikleiter und dessen
Mitarbeiter geht er den neuen Katalog durch. Möbelstück
für Möbelstück. Der Technikleiter will etwas über einen
Stuhl sagen. Winkler unterbricht ihn – ruhig, aber sehr bestimmt.
„Das haben wir schon besprochen, darüber müssen
wir nicht mehr reden.“ Der Technikleiter wird still. Nächstes
Thema. Die beiden Techniker sollten einen Laptop-Arbeitsplatz
entwickeln, eigentlich sollte der schon im neuen
Katalog sein. Jetzt wird die Zeit knapp. „Schafft ihr das?“
fragt Winkler.
Er duzt die beiden, sie siezen ihn. Als Winkler nach
der Besprechung von den Erfolgen seines Unternehmens
spricht, spricht er in der Wir-Form. Wenn er manchmal
sein Werk von außen, von der Stadt her sehe, sagt Winkler,
dann sei er schon stolz. Er stockt und schiebt schnell nach:
„Aber nicht im Sinne von: Das ist alles meins.“
Aber es ist doch alles seins. Und warum nicht darauf
stolz sein? Gegründet in einer Zeit der Gründungsfreude, in
den 1990er-Jahren, als die IT-Branche mit ihren ungezählDotcoms Flügel bekam, die dann genauso schnell verglühten.
Aber die Schulmöbel aus Eisleben gibt es immer
noch. Für die jetzige Krisenzeit erwarteten die Experten
eine höhere Gründerquote. Noch sinken zwar die Arbeitslosenzahlen,
bereinigt.
Doch keiner weiß, wie lange das noch so bleibt. Immer
öfter werden nun Menschen zu Gründern, denen die Wirtschaftsflaute
die Arbeitsplätze genommen hat. Schon in den
vergangenen Jahren war existenzielle Not einer der wichtigsten
Gründe für Deutsche, Unternehmer zu werden. Die
Not scheint die gute Geschäftsidee zu ersetzen.
Allein in den ersten sechs Monaten 2009 wagten bundesweit
rund 12.000 Arbeitslosengeldempfänger den
Schritt in die Selbstständigkeit, meldete die Bundesagentur
für Arbeit. Auf einen sogenannten Notgründer kommen in
Deutschland nicht einmal drei Gründer mit einer Geschäftsidee
– nur in Südkorea und Griechenland ist ihr Anteil
noch niedriger. Und so verschwindet jede zweite deutsche
Firma spätestens nach fünf Jahren wieder vom Markt.
Dabei brauche Deutschland innovative Gründer, sagt
Kritikos. Jetzt gehe es um neue Ideen in den höherwertigen
Technologien, darauf müsse sich Deutschland spezialisieren.
Er nennt Pharmafirmen und Maschinen- und Autohersteller.
Nur mit ihnen könne der Wirtschaftsstandort erhalten
werden. Der Trend gehe wieder zur eigenen Firma, ist
Kritikos sich sicher. Nicht nur aus der Not heraus. Sondern
auch, weil die Arbeitswelt sich geändert habe.
Niemand werde mehr in dem Unternehmen alt, in dem
er ausgebildet wurde. Den sicheren Arbeitsplatz gibt es
nicht mehr. Damit verliere die bisherige Vorstellung vom
Scheitern ihren Schrecken und ihr Stigma. Und: „Damit
sinkt dann das relative Risiko des Unternehmertums“, sagt
Kritikos. Es werde attraktiver.
In einer Schülerumfrage für die Bertelsmann-Stiftung
sagten schon 2007 drei Viertel der befragten Jugendlichen,
dass sie prinzipiell bereit seien, sich später selbstständig zu
machen.
Wenn alles klappt, wie er es sich vorstellt, wird deshalb
auch der Berufsschüler Philipp Müller später Flyer, Plakate
und CD-Cover in der eigenen Firma gestalten. Er wird Unternehmer
sein. Er sagt: „Aber kein typischer.““

erschienen 2010 im Handelsblatt

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Leseprobe – Liebesgeschichte http://wunschbuchverlag.de/portfolio/fiva/ Mon, 01 Dec 2014 18:23:54 +0000 http://ftnotio.wpengine.com/?post_type=portfolio&p=29

Eine Liebesgeschichte

„Als U. eine halbe Stunde später anruft, liegt sie noch im Kreißsaal. Sie sagt ihm, dass sie jetzt eine Tochter haben. Er will sofort kommen. Aber sie sagt, er solle die Nacht ruhig noch in Berlin bleiben, heute feiere doch sein Freund F. Polterabend.

Sie weiß, dass er unbedingt dorthin wollte. Und weil ihr Herz so froh ist, möchte sie ihm unbedingt etwas Gutes tun. Auf die Idee, dass er tatsächlich lieber zu ihr gefahren wäre, kommt sie nicht. Also bleibt U. in Berlin.

Besonders viel Spaß bereitet ihm die Party nicht. In Gedanken ist er bei M. Warum will sie ihn in diesem bedeutenden Moment nicht bei sich haben? Wie sieht seine Tochter aus? Seine Tochter – wie sich das anhört! Er stellt sich eines dieser Babys aus der Werbung vor.

Am Morgen des 1. Novembers fährt U. mit W. in dessen altem Wartburg nach N. Es ist Sonntag, alle Blumengeschäfte haben geschlossen. Unterwegs in einem Garten sehen sie zum Glück eine Frau. Die verkauft ihm Herbstastern mit sehr unauffälligen, kleinen bläulichen Blüten und dafür umso längeren Stielen. Wie Peitschen, denkt er.

Als er die Tür zum Krankenzimmer öffnet, sieht er M. zwischen zwei anderen Frauen liegen. Junge Mütter wie sie. Neben ihnen stehen Vasen voller roter Rosen. Unter den mitleidigen Blicken der anderen hält er M. seinen Strauß entgegen. Dann endlich sieht er sein Töchterchen: Dem Werbebaby in seiner Vorstellung ähnelt sie eher nicht. So richtig süß sieht sie nicht gerade aus, sondern ziemlich zerknautscht. Aber das ist wohl normal bei Neugeborenen. Er nimmt sie auf den Arm und schaut zu M. Jetzt sind sie Mutter, Vater, Kind.“

von Juliane von Wedemeyer, 2015, Auszug aus der Liebesgeschichte für M. und U.

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Leseprobe – Biografisches Porträt http://wunschbuchverlag.de/portfolio/eine-frau-die-gerne-aneckt/ Mon, 01 Dec 2014 18:22:40 +0000 http://ftnotio.wpengine.com/?post_type=portfolio&p=23

Der Lettermann. Über den Schreibmaschinenmechaniker von Günter Grass, Erich Kästner, Uwe Johnson und Wolfdietrich Schnurre
„Er mag Wörter. Er spricht nur nicht so gern. Und eigentlich hört er auch nicht so gern zu. Aber er mag Buchstaben, die sich gleichmäßig aneinanderreihen, schwarz auf weißem Papier. Dafür ist er zuständig, das ist seine Aufgabe, seit 60 Jahren. Dietrich Tietz ist Schreibmaschinenmechaniker,
einer der letzten. Noch steht er jeden Tag in seinem Laden in Berlin-Friedenau.
In seinem Schaufenster stehen 14 Maschinen, dazwischen Blumentöpfe mit dunkelgrünem Mini-Efeu. Ein vergilbtes Werbeplakat verspricht trotzig: „Die Zukunft jetzt“, aber die Zukunft der Schreibmaschinen ist längst vorbei. Man sieht es Tietz’ Geräten auch ein wenig an. Über manche hat der Staub einen Grauschleier gelegt. An den meisten lehnen Schilder: „Gelegenheit 49 Euro“. Tietz handelt
nur noch mit gebrauchter Ware. Er ist ein Übriggebliebener, aber nicht irgendeiner. Bei ihm haben die Schriftsteller Günter Grass, Erich Kästner, Uwe Johnson und Wolfdietrich Schnurre ihre Maschinen und Farbbänder gekauft. Er hat ihre Geräte repariert. Und so wird auch von Dietrich
Tietz etwas übrig bleiben.
Die Gegenwart gehört den Computern. Auf der Cebit, der jährlich in Hannover stattfindenden, weltgrößten Computermesse, stellen ab Dienstag mehr als 5500 Unternehmen ihre Produkte aus. Acht Millionen Rechner haben allein die Deutschen im vergangenen Jahr gekauft, sagen Marktforscher.
Um den Schreibmaschinenhandel kümmern sie sich nicht mehr. Es gibt nur noch drei Firmen, die nicht viel mehr als 44000 Maschinen jedes Jahr auf den deutschen Markt bringen: Brother, Twen und Olympia. „Wir sterben aus“, sagt Tietz.
Tietz, 73 Jahre alt, die Haare immer sorgfältig nach hinten gekämmt, steht in seinem Laden wie ein großer, grauer Stein – stumm und unbeweglich. Als hätte ihn jemand zwischen die Schreibmaschinenregale gestellt, und nun gelingt es niemandem mehr, ihn wieder wegzuschieben.

Dietrich Tietz verändert seine Position auch nicht, als die Türglocke Kunden ankündigt – ein Ehepaar in seinem Alter. Sie stolpern fast über die Schreibmaschinenkoffer, die sich auf dem dunklen Linoleumboden stapeln. Es ist eng. Eine braune Pappwand trennt das Geschäft von der Werkstatt. Tietz hat die Wand mitten in den beige gestrichenen Raum gestellt, so dass der Laden kaum breiter ist als ein Wohnungsflur. 32 Geräte stehen in den beiden mannshohen Holzregalen links und rechts. Die vollkommen schwarze
„War Finished“ – „Krieg beendet“ – fällt auf. Das Modell von 1918 erinnert an ein gefräßiges Rieseninsekt. Aus seinem Eisenkörper ragt ein Gewirr aus heuschreckenbeindünnen Hebeln.

Das Paar hat eine Schreibmaschine mitgebracht, eine elektrische Olympia mit Korrekturtaste. Die Maschine schreibt nicht mehr. Die Frau ist versucht, Tietz mehr zu erzählen. Aber der streckt wortlos seine Arme nach dem Apparat aus, stellt ihn auf einen kleinen Holztisch. Und das Ehepaar versteht. Es wird schweigend auf das Urteil des Meisters warten.

Seinem Gesicht ist noch nichts abzulesen. Die beiden steilen Falten neben seinen Mundwinkeln hängen
unbeteiligt herunter. Aber plötzlich zieht er die Brauen zusammen. Sie haben ein Problem, liebe Kunden, soll das wohl heißen. Er beugt sich über das Gerät. Ganz langsam, als würde er darauf bestehen, dass in seinem Laden die Zeit anders zu vergehen hat als draußen.

Dass die Schreibmaschine eine Zukunft hatte, ist jetzt 200 Jahre her. 1808 soll der Italiener Pellegrino Turri di Castelnuovo die allererste gebaut haben – als Einzelexemplar für eine blinde Gräfin. Tatsächlich beginnt die Geschichte der Schreibmaschine als Hilfsmittel für Behinderte. Die ertastbaren Buchstaben sollten die Augen beim Schreiben überflüssig machen.

Ein halbes Jahrhundert später hatte sich Friedrich Nietzsche auch eine gekauft – angeblich wegen seiner starken Kurzsichtigkeit. Das Ding aus Messing sieht aus wie ein Igel auf zu langen Beinen, der Buchstabentasten auf seine Stacheln gespießt hat. Allerdings ging die sogenannte Schreibkugel ständig kaputt: „Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth – und einige Unterhaltung“, tippte Nietzsche nach dem ersten Monat. Die Kugel steht jetzt bei der Klassik-Stiftung in Weimar.

Ähnlichkeit mit den heutigen Schreibmaschinen hatte dann erst 1874 ein „Typewriter“ aus der US-amerikanischen Waffenfabrik Remington. Firmen für Schreibmaschinen existierten damals noch nicht. Sie wurden in Rüstungsunternehmen, Nähmaschinen- und Fahrradwerken hergestellt
– wie die deutschen Geräte von Adler und Triumph, die beiden Firmen fusionierten später unter dem Namen Triumph-Adler. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte das Unternehmen zehn Werke mit 8000 Mitarbeitern, vier der Produktionsstätten hatten ihren Sitz in Deutschland. Triumph-Adler verkaufte mehr als eine halbe Million Schreibmaschinen pro Jahr.

Tietz’ Kunden sind alt geworden. Mit der Maschine schreiben nur noch die Generation 70 plus und die Mafia: Vor einem Jahr berichteten die italienischen Zeitungen groß über den berüchtigten Mafiaboss Bernardo Provenzano, der 43 Jahre mit seiner Schreibmaschine untergetaucht war. Denn Telefon, Handy oder E-Mail hätten unnötig viele Spuren hinterlassen. Der Mafioso tippte seine Mordaufträge
stattdessen auf einer Olivetti, Typ Lettera 32. Das „O“ im Wort „Morte“ soll jedes Mal ein Loch ins Papier geschlagen haben. Auch Provenzano ist mit 75 nicht mehr der Jüngste.

Tietz will in seinem Laden ausharren, bis gar keine Kunden mehr kommen. Jeden Tag vier Stunden – von neun bis elf und von 16 bis 18 Uhr. „Noch läuft es geradeso“, sagt er. An richtig guten Tagen verkauft Tietz eine oder zwei seiner Maschinen. Oft nicht einmal ein Farbband. Aber Geld braucht er nicht mehr. Seine Rente reicht – für die Wohnung um die Ecke, in der er allein lebt, den Laubenpiepergarten und den VW Käfer, Baujahr 1983.
Bevor Computer in den 90er Jahren klein und billig genug wurden, um sie in Büros und Wohnungen zu stellen, hatte Tietz’ Geschäft durchgehend geöffnet. Damals verkaufte er neue Maschinen – manchmal fünf, sechs am Tag. Und hin und wieder stand eben ein Künstler in dem Laden, der nach seinem Gründer Otto „Breitkreutz“ heißt. Der hatte ihn 1938 mit seiner Frau Emmy eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die beiden zeitweise 15 Mitarbeiter, die in den Ruinen Berlins nach verschütteten  Schreibmaschinen suchten. Repariert und geputzt standen sie dann bei Breitkreutz wieder im Laden.

Als Dietrich Tietz bei den beiden anfing, war die Stadt wieder größtenteils aufgebaut und die eisernen Geräte hatten Plastikgehäusebekommen. Friedenau war in den 50er und 60er Jahren ein Viertel
der Künstler, der schreibenden vor allem. Das war gut fürs Geschäft. Den kürzesten Weg hatte Elfriede Mechnig, Erich Kästners Sekretärin, die die handgeschriebenen Werke ihres Chefs abtippte. Sie musste von ihrer Wohnung in der Niedstraße 5 nur die vierspurige Rheinstraße überqueren.
Auch Grass wohnte keine sieben Gehminuten entfernt. Direkt neben Uwe Johnson, dessen Buch „Mutmassungen über Jakob“ zeitgleich mit Grass’ „Die Blechtrommel“ in die Buchläden kam.

Es ist ja nicht so, dass Günter Grass seine „Blechtrommel“ ohne Dietrich Tietz nicht geschrieben hätte. Tietz leidet nicht an Größenwahn. Er ist nur überzeugt davon, dass der Schriftsteller es auf
einer Maschine aus seinem Laden getan hat – einer blauen Olivetti, Typ 22, einer italienischen Reiseschreibmaschine.

Nein, gesprochen habe er nicht mit den Schriftstellern, das gehöre nicht zu seinen Aufgaben. „Für die Kunden bin ich der Maschinenmann.“ Die Rolle gefällt ihm. In seinem Laden hat Tietz inzwischen das cremefarbene Plastikgehäuse der Olympia des Ehepaars ausgehakt, es liegt jetzt neben ihr auf dem Tisch. Er kann nun alles sehen: die Papierträgerwalze, das schwarzrote Farbband davor, den Schrittmotor, das Typenrad – eingekreist von Buchstaben. Er klickt es aus, ein, wieder aus. Er dreht es vor seinen
zusammengekniffenen Augen hin und her. „Da haben Sie doch selbst dran rumgebastelt!“ – es ist der erste Satz aus der Stille.
Die Frau gesteht. Sie habe das Typenrad nur wechseln wollen. Ihr Mann unterbricht sie: „Lass doch, er ist der Fachmann!“ Als 14-Jähriger hat Tietz seine Lehre zum Schreibmaschinenmechaniker in der Berliner Olympia-Generalvertretung begonnen, 1948. Die Berufswahl sei purer Zufall gewesen, sagt Tietz. Sein Vater, ein Buchhalter, habe im selben Gebäude gearbeitet. So habe er von der freien Stelle erfahren.
Und nun mag Tietz sich ein Leben ohne Schreibmaschinen nicht mehr vorstellen.

Tietz, der Übriggebliebene, hat die Gründe gesammelt, die gegen Computer sprechen: „Wer so einen bedienen will, muss einen dreiwöchigen Kurs besuchen.“ Außerdem hört man ja so viel über die ganzen
Abstürze. Und erst die Computerkriminalität! Punktsiege für die Schreibmaschine. Dass das etwas ändert, glaubt er nicht. Aber er muss lächeln. Ganz kurz zucken die beiden Falten an seinem Mund. Seine breiten Zeigefinger klopfen jetzt auf die Tasten der Olympia. Er hat ein neues Typenrad in die Maschine
gesteckt. Eigentlich müssten jetzt die Buchstaben auf dem Blatt auftauchen, nach rechts rennen, bis zum Ende der Zeile. Aber nichts passiert. Tietz richtet seinen Oberkörper auf. „Da ist wohl der Motor kaputt“, sagt er und verschwindet in der Werkstatt. Das Paar schaut sich an und wartet weiter.

Der Zutritt zur Werkstatt ist verboten. „Zu rumpelig“, sagt Tietz später. Er schraubt die Maschinen dort auseinander, zerlegt sie. Er bürstet jede Metallletter einzeln. Später sollen sich die Typen bei jedem Anschlag sauber und akkurat ins Papier drücken. Das Farbband darf nicht schmieren. Aber die Tinte gibt den Buchstaben immer feine Schatten, sie scheinen Körper zu haben. Das ist jedes Mal ein  Erfolgserlebnis, sagt Tietz. Es ist der Grund, warum er noch arbeitet. „Andere fühlen sich als kleines Rädchen im großen Getriebe, ich nicht.“ Er allein ist dafür verantwortlich, wenn eine alte Maschine wieder funktioniert. Er gibt ihr wieder einen Sinn. Und dem Leben des Maschinenmanns.

Manche Kunden machen es ihm aber auch schwer. „Einige bringen ihre Maschine erst nach 20 Jahren vorbei“, sagt Tietz. Dann ist das winzige Loch im kleinen „e“ oft so zugedreckt, dass Bürsten nicht mehr hilft. „Das muss ich dann mit der Stopfnadel rauspolken.“ Schlimmer ist es, wenn die Kunden zu viel reden. „Manche erzählen einem ihren ganzen Lebenslauf, die finden gar kein Ende“, sagt Tietz.

Lieblingskunden? Es fallen ihm keine ein. An Grass erinnert er sich überhaupt nur wegen der „kleenen blauen Olivetti“. Eine wirklich schöne Maschine. Die von Tietz ist auch blau – „taubenblau mit viel Chrom“. „Gabriele 35“ heißt sie, ein Modell von Triumph-Adler aus den 70er Jahren. Er würde sie nie hergeben. Sie war damals die teuerste auf dem Markt. 485 Deutsche Mark hat er für sie gezahlt.
Aber sie war auch die schönste.

Triumph-Adler hat seine letzten Schreibmaschinenfabriken in Tschechien und Indien vor drei Jahren verkauft. 42 Mitarbeiter produzieren dort für den neuen Besitzer noch rund 20.000 Maschinen für Deutschland. Die tschechischindischen Modelle heißen nicht mehr, wie Schreibmaschinen deutscher Hersteller lange hießen, „Gabriele“ von Triumph-Adler, „Monika“ von Olympia, oder „Erika“, die
Geräte der DDR-Firma Robotron. Sie heißen „Twen T320“ oder „Twen T180“. Die Twen-Chefin gibt den Schreibmaschinen keine fünf Jahre mehr. Auch ihr Unternehmen werde die Produktion früher oder später einstellen, erklärt sie am Telefon. Die Einzelteile dafür würden immer knapper.

Tietz nutzt seine „Gabriele“ selten, höchstens für schnöde Briefe an Behörden. Die Bücher, die auf seinen Maschinen entstanden sind, hat er nie aufgeschlagen. Dabei hat Grass seiner „mechanischen
Muse“ im letzten Buch ein ganzes Kapitel gewidmet. Auch Kurt Tucholsky hat einmal über Schreibmaschinen gedichtet: „Hebel rauscht und Glöckchen klingt, und die Schreibmaschine singt.“ Der Amerikaner Paul Auster hat vor ein paar Jahren sogar ein ganzes Buch über seine mechanische Olympia geschrieben. „Heldin“ hat er sie genannt. Tietz würde nie auf so eine Idee kommen. „Maschine
ist Maschine, Mensch ist Mensch.“

Er bevorzugt Sachbücher. Tietz mag Wörter, die sein Wissen vergrößern. Vor 20 Jahren hat er sich „Die Schreibmaschine“ gekauft, ein Lehrbuch von Otto Burghagen, einem der ersten Lehrer für Maschineschreiben. Erschienen ist es 1898. Ein Jahr nachdem die preußische Regierung Maschinenbriefe
an Behörden zugelassen hatte. Burghagen empfahl die neuen Geräte auch Journalisten und  Schriftstellern. Der Vorteil: Für einen Buchstaben genüge ein Tastendruck, mit der Feder müsse man dagegen durchschnittlich fünf Striche ziehen.
Der erste Roman, der 1874 auf einer Maschine abgetippt wurde, stammt von Mark Twain. „Tom Sawyers Abenteuer“, Twain diktierte allerdings nur, seine Sekretärin schrieb. Twains Finger kamen seinen Gedanken nicht hinterher. Offenbar war ihm die Maschine auch etwas peinlich. Twain verbot dem Hersteller sogar, mit seinem Namen dafür zu werben. Die neue Erfindung war bei Männern verpönt.
Amerikaner konnten sich im 19. Jahrhundert darum zu ihrer Schreibmaschine auch gleich ein Tippmädchen mieten, inklusive Büro-Putzen und Spucknapf-Leeren.

Aber Autoren schicken heute nur noch Computerfassungen an ihre Verlage. Die Maschinenschreiber unter ihnen sind schnell an den Fingern abgezählt. Selbst Grass lässt seine Werke nach der letzten Maschinenfassung in den Computer tippen, bevor er sie an den Verlag schickt. Der 80-Jährige hat mittlerweile drei Schreibmaschinen, denn kein Computer sei „verführerisch genug“, um auch nur eine
seiner Olivettis verdrängen zu können. Aber Grass kauft jetzt woanders. Er wohnt schon lange nicht mehr in Berlin. Kästner und Johnson sind tot. Und Schnurre, der Tietz einmal einen Schnaps spendiert hat, nachdem der seine Olympia repariert hatte, ist auch längst weg. Er ist in den Norden gezogen, nach Kiel. „Da hatte er dann wohl so große Langeweile, dass er bald gestorben ist“, sagt Tietz.

Das Ehepaar hat seinen Laden bereits verlassen –mit einer neuen alten Schreibmaschine, eine Gelegenheit für 49 Euro. Die Reparatur hätte sich nicht mehr gelohnt. Gute Kunden an einem guten Tag. „Empfehlen sie mich weiter!“, hat Tietz ihnen nachgerufen.“

 

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